Gemeinsam 111 Jahre am Chemiestandort Knapsack

Peter Brauer, Dieter Held und Peter Eßer haben zusammen 111 Jahre „op d’r Chemische“ in Knapsack gearbeitet

„Hier war mal die Kegelbahn, das weiß ich noch ganz genau“, erinnert sich Peter Eßer freudig als er für unser Interview den Knapsack Treff im Feierabendhaus betritt. Der gelernte Reparaturschlosser, der später Meister in der organischen Werkstatt war, hat insgesamt 34 Jahre in Knapsack gearbeitet und verbindet mit dem Werk viele Erinnerungen. Einige davon teilt er mit Dieter Held. Held war Chemotechniker und hat von 1963 bis 2001 vor allem physikalische Sondermessungen im ganzen Werk durchgeführt. Den Werksteil Knapsack kennen die beiden Herren fast so gut wie ihre Westentasche. Anders sieht es bei Peter Brauer aus. „In Knapsack war ich während der 39 Jahre, die ich hier gearbeitet habe, so gut wie nie“, sagt der gelernte Chemikant, „nur einmal sechs Wochen in der BMS-Anlage“. Heute undenkbar: Als Brauer 1973 ohne Vorankündigung in die Personalabteilung spazierte, um sich vorzustellen, durfte er sich aussuchen, in welchem Werksteil er arbeiten wollte. Seine Entscheidung fiel auf Hürth.

Seit 5 (Brauer), 17 (Held) und 24 (Eßer) Jahren arbeiten die drei Pensionäre nun schon nicht mehr im Chemiepark Knapsack. Anlässlich des 111. Geburtstags kehren sie an ihren alten Arbeitsplatz zurück und erzählen im Interview mit dem KnapsackSPIEGEL von ihrer Zeit vor und nach der Gründung des  Chemiepark Knapsack:

Sie kommen alle drei aus unterschiedlichen Fachrichtungen und haben die Entwicklung des Chemiestandortes von der Knapsack Griesheim, über die Hoechst AG bis hin zur Gründung der InfraServ Knapsack und dem Chemiepark Knapsack mitbekommen. Was hat sich verändert?

Eßer: Als ich 1960 hier angefangen habe, da wurde ja im Werksteil Hürth noch gar nicht produziert und als ich 1994 hier aufgehört habe, da gab es auch die InfraServ Knapsack noch nicht. Aber ich kann Ihnen was sagen: früher war ja alles eins hier, das war alles eine große Firma. Jeder hat sich geholfen und man konnte sich problemlos in der Werkstatt nebenan mal was borgen. Das ist heute nicht mehr so, jetzt hat ja jeder so seins und macht sein eigenes Ding, alles ist viel schnelllebiger und die Geselligkeit, wie wir sie gekannt haben, ist nicht mehr so da…

Brauer: Stimmt, und die Fluktuation ist höher. Früher kannten sich hier alle. Man hat in einem Betrieb angefangen zu arbeiten und da ist man geblieben bis zur Rente. Aber mit den verschiedenen Firmen und Betriebsleitern hat sich das geändert. Ich zum Beispiel hatte 39 Jahre lang den gleichen Arbeitsplatz, aber der Name der Firma hat sich währenddessen so oft geändert, dass ich schon gar nicht mehr alle zusammenkriege. Angefangen habe ich bei der Hoechst AG, zuletzt war ich bei LyondellBasell.

Held: Und alles ist moderner geworden. Die Geräte, die den Mitarbeitern heute zur Verfügung stehen, die hatten wir doch damals gar nicht. Am Anfang habe ich das alles mit einem Handmessgerät gemacht. Und wir waren erfinderisch: Um Lärmbeschwerden aus der Bevölkerung besser nachgehen zu können, haben wir einen alten Käseverkaufsanhänger mit Messgeräten bestückt und sind damit rumgefahren (lacht) … Aber der größte Unterschied ist wohl, dass ich meine Messungen nur hier am Standort durchgeführt habe. Heute sind die Kollegen ja in ganz Deutschland mit den Messgeräten unterwegs.

 

Was hat Ihnen an Ihrem Job am besten gefallen?

Brauer: Typisch für meinen Job war die Planung von Produktion und Personal und die Kommunikation mit den Handwerkern und dem Schwertransport. Das habe ich alles sehr gerne gemacht, aber mein persönliches Highlight war der Aufbau der Masse-Polypropylen-Anlage. Das war meine letzte und auch interessanteste Anlage, weil das Ganze ja irgendwie Neuland war und ich immer mal was Neues ausprobiert habe. Ich konnte quasi zusehen, wie die Anlage wächst, das war schon beeindruckend.

Eßer: Ich hatte in meinem Job immer viel mit Menschen zu tun und konnte verschiedene Stationen in Knapsack durchlaufen. Ich war immer unterwegs, das hat mir gefallen. Als ich in der organischen Werkstatt Meister war, hatte ich dann auch die Verantwortung über das Personal und musste viel organisieren, das fand ich besonders gut. Ich habe einige Fälle, wo andere gesagt haben „mit dem komm ich nicht klar“ wieder auf den richtigen Weg gebracht. Es kommt nämlich immer darauf an, wie man mit den Leuten umgeht. Unter mir wurde keiner gefeuert.

Held: Mir hat mein Fachgebiet besonders gut gefallen und die Verantwortung, die ich bei der Arbeit hatte. Ich habe ja Chemielaborant gelernt und mich dann im Fernstudium zum Chemotechniker weitergebildet. Die haben hier eigentlich jemanden für die physikalischen Messungen gesucht und ich war ja Chemielaborant – das hat aber trotzdem gut geklappt. Ich musste viel rechnen, Berichte schreiben und war dann später auch noch Strahlenschutzbeauftragter. Mein Job war vielseitig, das hat mir gefallen.

Welchen Tipp würden Sie jemandem geben, der jetzt Ihren Beruf ergreift, worauf kommt es besonders an?

Held: Wenn jemand die Möglichkeit dazu hat, würde ich ihm für meinen Beruf auf jeden Fall ein Ingenieursstudium mit Spezialgebiet Akustik nahelegen. Und weil man viel mit Menschen, auch außerhalb des Chemieparks, zu tun hat, sollte man schon auch mit Leuten umgehen können.

Brauer: Ich würde jedem Chemikanten vor allem ein begleitendes Studium empfehlen und raten, sich intensiv mit dem Thema Messtechnik auseinander zu setzen. Moderne Anlagen sind ja voll damit und man muss doch verstehen, womit man es zu tun hat.

Eßer: Auf jeden Fall sollte man sich immer weiterbilden und Prozesse auch mal hinterfragen. Es gibt nichts Schlimmeres als Leute, die immer nur tun, was man ihnen sagt, ohne mal selber nachzudenken. Und menschlich sollte man sein. Man muss sich ja auf die Kollegen einstellen und wissen, mit wem man es zu tun hat. Einzelgänger sind hier nicht gefragt, das hier klappt nur im Team.

Gibt es etwas, was Sie vermisst haben, als Sie in Rente gegangen sind?

Brauer: Ganz ehrlich: Nein. Ich habe hier immer gerne gearbeitet und hatte eine gute Zeit. Als das vorbei war, war das auch vollkommen in Ordnung. Ich wohne hier in der Nähe, spiele in Knapsack Tennis und sehe meine alten Kollegen entweder dort oder in der Pensionärsvereinigung. Wirklich viel zu vermissen gibt es also gar nicht (schmunzelt).

Held:  Ich habe noch immer Kontakt zu meiner Firma und zu meinem Nachfolger. Ich gehe mehrmals im Jahr dorthin, um mich über den neuesten Stand der Akustik zu informieren, in den letzten zwei Jahren allerdings nicht mehr so oft.

Eßer: Ich vermisse die Geselligkeit und das Miteinander mit den alten Kollegen. Hier wo wir jetzt sitzen, war früher die Kegelbahn. Da haben wir uns ein Mal im Monat getroffen und dann wurde es sich hier gemütlich gemacht. Das fehlt. Und so ganz abschalten kann man ja doch nicht. Ich bin jetzt bald 25 Jahre nicht mehr hier, aber wenn ich aus dem Fenster gucke und da qualmt es oder es bewegt sich ein Kran, dann male ich mir schon aus, was die da wohl machen.

Was wünschen Sie dem Chemiepark Knapsack für die nächsten 111 Jahre?

Held: Der Chemiepark hat mir 38 Jahre lang Arbeit gegeben. Ich bin immer gerne hingefahren und wünsche mir deshalb, dass der Chemiepark Knapsack noch lange bestehen bleibt, dass hier weiter produziert wird und dass er eine gute Zukunft hat.

Eßer: Ich wünsche dem Chemiepark Knapsack von Herzen alles erdenklich Gute – und das meine ich ganz ehrlich. Ich habe hier gearbeitet, der Chemiepark hat meine Familie versorgt. Heute arbeiten meine Kinder und auch meine Schwiegertochter hier. Ich wünsche mir, dass die auch ihr Leben lang hier auf dem Knapsacker Hügel arbeiten können und dass der Chemiepark immer am Ball bleibt und federführend auf seinem Gebiet ist.

Brauer: Der Chemiepark Knapsack ist ein wichtiger Arbeitgeber für die Menschen in Hürth und Umgebung. Deshalb wünsche ich mir, dass hier immer Wissen und Know-how weitergegeben wird, damit der Standort erhalten bleibt, sich vergrößert und weiterentwickelt.

Alle drei identifizieren sich auch heute noch mit ihrem Chemiepark und schätzen rückblickend vor allem das gesellige, kollegiale Miteinander. Um die alten Kollegen zu treffen und sich regelmäßig auszutauschen sind alle drei Mitglieder der Pensionärsvereinigung, bei der unter anderem Peter Eßer zu den Gründungsmitgliedern gehört. Die Pensionärsvereinigung lädt regelmäßig zu verschiedenen Veranstaltungen ein und ist offen für alle (ehemaligen) Mitarbeiter des Chemiepark Knapsack. Neue Gesichter sind immer willkommen.

v.l. Dieter Held, Peter Eßer und Peter Brauer vor dem Knapsack Treff im Feierabendhaus Knapsack

ENERGIEVERSORGUNG

Die zuverlässige und kostengünstige Versorgung mit ausreichend Energie ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für die chemische Industrie. Der Chemieparkbetreiber InfraServ Knapsack liefert die benötigten Energien in Form von Strom und Prozessdampf an die produzierenden Unternehmen.

Die Energieversorgung des Chemiepark Knapsack ist auch zu Spitzenlastzeiten garantiert.

Im Ersatzbrennstoffkraftwerk (EBKW) der EEW Energy from Waste Saarbrücken GmbH werden jährlich bis zu 300.000 Tonnen Ersatzbrennstoffe thermisch zu Dampf und Strom verwertet. Ergänzt wird dies durch zwei Gas- und Dampfturbinenkraftwerke (GuD-Kraftwerk) des norwegischen Energieerzeugers Statkraft mit 800 MW und 400 MW installierter Leistung.

Außerdem wird der Chemiepark Knapsack von einem RWE Braunkohle-Kraftwerk in der direkten Nachbarschaft mit Prozessdampf versorgt.