16.06.20

Das Krisenmanagement des Chemieparks Knapsack in Zeiten von Corona

Rund 2.500 Menschen arbeiten normalerweise im Chemiepark Knapsack. Sie alle können auch in Zeiten von Covid-19 weitestgehend sicher arbeiten. Dass dies möglich ist, liegt an einem umfassenden Krisenmanagement, mit dem alle Unternehmen am Standort der Pandemie begegnen.


Montag, 15:30 Uhr: Der Koordinierungskreis des Chemieparks Knapsack trifft sich per Videokonferenz und bespricht die neuesten Entwicklungen in den Unternehmen durch die Corona-Pandemie, aber auch durch die Vorgaben der Politik. An diesem Tag diskutieren die Teilnehmer unter anderem über zusätzliche Schutzmaßnahmen und Regelungen während der anstehenden Stillstandsarbeiten. Die Entscheidungen werden danach an den Arbeitskreis Kommunikation übergeben. Am Tag darauf können alle Mitarbeiter die Neuigkeiten in einem speziellen Corona-Newsletter nachlesen.

AUFGABENTEILUNG IN KOORDINIERUNGSUND ARBEITSKREISEN

Der Koordinierungskreis CPK (CPK steht für Chemiepark Knapsack) ist einer von derzeit insgesamt fünf Arbeitskreisen, in denen sich YNCORIS-Mitarbeiter mit den Herausforderungen beschäftigen, die mit der Pandemie einhergehen. Sie bilden die Basis der routinierten und erfolgreichen Zusammenarbeit innerhalb von YNCORIS, aber auch sämtlicher Unternehmen am Standort. Ins Leben gerufen hat ihn die Geschäftsleitung der YNCORIS bereits Anfang März und Jürgen Groborz, Leiter Standortsicherheit und Mitglied der Zentralen Einsatzleitung des Chemieparks, mit der Koordination der Maßnahmen beauftragt. Trotz seiner Einsatz- und Krisenerfahrungen ist eine Pandemie für Groborz, wie für alle anderen, Neuland und alles andere als Tagesgeschäft, auch wenn sich viele grundlegende Aspekte aus dem Krisenmanagement übertragen lassen. In „normalen“ Zeiten verantwortet er seit mehreren Jahren ein Team von erfahrenen Einsatzkräften und Notfall- und Krisenmanagern, die bei einem Brand oder Stoffaustritt für alle Unternehmen am Standort die Gefahrenabwehr und Schadenbekämpfung sicherstellen. „Eine Pandemie unterscheidet sich in vielen Bereichen nicht vom klassischen Notfall- und Krisenmanagement“, sagt er. „Deshalb konnten wir die Strukturen und Vorgehensweisen der Krisenstabsarbeit nutzen und schnell ans Laufen kommen.“ Einen wichtigen Unterschied gibt es jedoch: Während die akute Phase bei einem klassischen Ereignis nur Stunden oder wenige Tage dauert, ist bei einer Pandemie ein deutlich längerer Atem nötig.

LANGJÄHRIGE ERFAHRUNG SCHAFFT ENTSCHEIDENDEN VORTEIL

Im Gegensatz zu vielen kleineren mittelständischen Unternehmen verfügte der überwiegende Teil der Unternehmen auf dem Knapsacker Hügel schon vor Corona über individuelle Pandemiepläne. Auch bei allen Bereichen der YNCORIS, die wichtige Infrastrukturleistungen bereitstellen – dazu gehören beispielsweise Werkfeuerwehr, Werkschutz, Logistik oder auch die Ver- und Entsorgung – schlummerte bereits ein solches Konzept in der Schublade. Ein Vorteil, denn so war der Umstieg in den Pandemie-Modus in kürzester Zeit möglich. Trotzdem mussten sich die Mitglieder des Koordinierungskreises gerade anfangs erst einmal einen Überblick verschaffen, wie sich die Lage weiter entwickeln könnte. „In den ersten Märzwochen war es wichtig, erst einmal die teilweise gegenläufigen Informationen einzuordnen. Wie gefährlich ist die Krankheit, wie schätzen die Experten Auswirkungen und Risken ein und wie können wir uns schützen? Welche Maßnahmen helfen, das Virus einzudämmen?“, sagt Groborz. Hier galt es auch, Überzeugungsarbeit zu leisten, denn anfangs waren wenig Informationen verfügbar und eine realistische Bewertung der gesundheitlichen Risiken kaum möglich. Einige hielten das Virus für ähnlich gefährlich wie eine Grippe. „Doch spätestens als Anfang März die Häufung der Fälle und Krankheitsverläufe in Heinsberg und anderen Ortes bekannt wurde, war den meisten klar, dass wir nur mit einem strukturierten Notfall- und Krisenmanagement weiterkommen. Dabei galt es, weder zu große Gelassenheit noch zu großen Aktionismus zu verbreiten.“ Hier konnten die Mitglieder des Koordinierungskreises auf die Expertise aus den Fachbereichen, wie Arbeitsmedizin, Notfallmanagement, IT, Arbeitsschutz und Facilitymanagement setzen. Dr. Beate Kleuren-Paus, Leiterin des werksärztlichen Dienstes, übertrug mit ihrem wissenschaftlichen Sachverstand die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts auf den Arbeitsalltag. Auch ihre Arbeit wurde innerhalb kürzester Zeit auf den Kopf gestellt. „Gerade die Teams aus dem Arbeits- und Gesundheitsschutz unserer Kunden hatten viele Fragen,“ sagt Kleuren-Paus, die sich plötzlich in mehrstündigen Videokonferenzen wiederfand. „Hier waren wir nicht nur mit unserer medizinischen Einschätzung möglicher Maßnahmen, sondern auch als Psychologen gefragt.“ Nur wenige Anfragen erhielt ihr Team von besorgten Mitarbeitern: „Sie fühlten sich durch die Kommunikationsmaßnahmen gut abgeholt.“ Seit Anfang März tagt der Koordinierungskreis der YNCORIS täglich. In den ersten Besprechungen diskutierten die Teilnehmer noch – mit großem Abstand – im „Blauen Salon“ – Knapsacks größtem Auditorium, seitdem nur noch virtuell per Skype.

"SIND VOR DER LAGE"

Zunächst dominierten die dringlichsten Themen: Wie lässt sich die IT schnell soweit ausbauen, dass so viele Mitarbeiter wie möglich mobil arbeiten können? Welche Vorgaben müssen hierfür gelten? Wie können wir die Abstands- und Hygienemaßnahmen umsetzen? Wie kommunizieren wir die Themen? Wie reagieren wir auf politische Vorgaben wie die Schul- und Kitaschließungen oder das Kontaktverbot? Wie gehen wir mit infizierten Kollegen um und verfolgen die Kontakte? Die vielen offenen Fragen gingen mit einer extremen Arbeitsbelastung einher. „Am Anfang konnten wir nur reagieren, sortieren und umsetzen, weil es eine extrem dynamische Lage war, viele – teils überraschende – politische Entscheidungen oder auch neue medizinische Erkenntnisse gab und extrem viel zu regeln galt. Doch seit Anfang April sind wir vor der Lage und können mögliche Szenarien durchspielen und uns auf Entwicklungen vorbereiten“, sagt Groborz. Eine der größten Herausforderungen in der Anfangsphase war der Aufbau von Strukturen, um die Arbeits- und Handlungsfähigkeit herzustellen. Dabei musste das Krisenteam eine Vielzahl von Informationen sichten, Aufgaben verteilen und die geplanten Aktivitäten abgleichen. Auf der aktuell über 160 Punkte langen Maßnahmenliste fanden sich allein im Bereich Beschaffung 20 Aufgaben.

MITARBEITER WIRKSAM SCHÜTZEN

Dabei stand gerade in den ersten Wochen der Bedarf von YNCORIS – zum Beispiel an Desinfektionsmittel und Mundschutz – in direkter Konkurrenz zu Arztpraxen, Krankenhäusern und Pflegeheimen. „Wir mussten hier einen Weg finden, mit der wir einerseits unsere Mitarbeiter wirksam schützen und gleichzeitig unserer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden“, sagt Groborz. „Denn China hatte seine Produktion heruntergefahren, um die wenigen Restbestände an Desinfektionsmittel oder Atemschutzmasken konkurrierten alle – mit den entsprechenden Auswirkungen auf die Preise und die Ideen krimineller Geschäftemacher.“ In der Zwischenzeit hat sich die Lage weitgehend normalisiert – unter anderem, weil viele Chemieunternehmen einzelne Anlagen auf die Produktion von Desinfektionsmittel umgestellt haben. Seit Mitte März ergänzt den Koordinierungskreis von YNCORIS ein Lenkungskreis, ein Arbeitskreis Finanzen und Recht sowie der Arbeitskreis Kommunikation. Im Lenkungskreis besprechen unter anderem Vertreter der Geschäftsleitung mit Fachleuten die Themen und treffen grundlegende Entscheidungen. Zusätzlich tauschen sich alle Unternehmen im Chemiepark einmal wöchentlich im Koordinierungskreis Chemiepark aus und stimmen sich insbesondere über übergreifende Maßnahmen für den Chemiepark ab.

KONZEPTE UND MAßNAHMEN ANDERER STANDORTE EINBEZIEHEN

Dabei fließen Konzepte und Maßnahmen anderer Standorte in die Entscheidungen des Koordinierungskreises ein, beispielsweise zu Hygienemaßnahmen in Betriebskantinen oder den Waschhäusern. Denn auch sämtliche Unternehmen am Standort haben umfangreiche Maßnahmen umgesetzt, um die Ausbreitung des Coronavirus effektiv zu verlangsamen und die Mitarbeiter bestmöglich zu schützen. Dazu zählen umfangreiche Hygiene-Maßnahmen, Abstandsregelungen und Reiseeinschränkungen. Wo immer möglich, wurde die Anzahl möglicher Kontakte deutlich reduziert. Besprechungsräume zu Büros umfunktioniert, Mitarbeiter sind über mobile Arbeitsplätze tätig, Produktionsschichten und Tagdienst arbeiten voneinander getrennt und vermeiden persönlichen Kontakte. Nach mehr als zwei Monaten „Corona“ ist ein wenig Routine eingekehrt. Die Prozesse in den einzelnen Gremien sind Teil des Alltags, alle wichtigen Maßnahmen umgesetzt. Nur wenn sich medizinische Einschätzungen wandeln, sich die politischen Vorgaben ändern oder die Fallzahlen im Unternehmen steigen, muss der Koordinierungskreis nachschärfen oder Regelungen anpassen. „Obwohl viele Mitarbeiter des Koordinierungskreises von YNCORIS zunächst keine Erfahrung in der Krisenstabsarbeit besaßen, haben sie sich sehr schnell in die Arbeitsweise und den Rhythmus des Stabs eingefunden, die Initiative ergriffen und direkt Aktivitäten und Maßnahmen angestoßen“, so Groborz. Auch vom Zusammenhalt ist er begeistert. Jeder unterstütze das Team, wo er könne, auch wenn nicht immer alle einer Meinung seien. „Das gehört dazu und es ist wichtig, alle Aspekte und Meinungen zu hören.“ Auch auf die Belegschaft kann YNCORIS zählen. Alle Mitarbeiter halten sich an die Vorgaben und akzeptieren und unterstützen, wo sie können. Das bestätigen die Fall- und Ausfallzahlen, sie sind im Chemiepark nämlich äußerst niedrig. Groborz: „Jeder Mitarbeiter trägt in der aktuell schwierigen Situation dazu bei, das Geschäft am Laufen zu halten und die wirtschaftlichen Auswirkungen für YNCORIS und den Standort möglichst gering zu halten.“

NICHT NUR VERSTEHEN, SONDERN VERINNERLICHEN

Entscheidender Erfolgsfaktor in Zeiten von Corona war und ist der Mensch – nicht nur bei allen Entscheidungen im Rahmen der Pandemie, sondern ganz besonders bei der Umsetzung. Wichtigstes Thema war daher die Kommunikation. Groborz: „Es reicht nicht, dass wir Regelungen finden und umsetzen, wir müssen die Themen auch so aufbereiten, dass unsere Kollegen den Sinn der Maßnahmen begreifen, akzeptieren und konsequent befolgen. Das ist nichts, was man einfach nebenbei machen könnte.“ Deshalb kümmert sich ein eigener Arbeitskreis „Kommunikation“ unter der Leitung von Benjamin Jochum um die Aufbereitung der Informationen, treibt Themen voran, ordnet sie ein, erklärt Hintergründe und gibt praktische Hinweise. Jochum: „Wir wollen einerseits grundlegendes Wissen zum Coronavirus vermitteln, darüber hinaus aber auch jeweils zeitnah über tagesaktuelle Entwicklungen informieren. Unser Anspruch ist es, dass sich Mitarbeiter innerhalb weniger Minuten täglich auf den neuesten Stand bringen können.“ Dabei fungieren die Mitglieder des Arbeitskreises Kommunikation auch als eine Art Seismograph für Stimmungen innerhalb von YNCORIS und der Standortunternehmen. Auch wenn die Fallzahlen in Deutschland tendenziell sinken und sich die Einschränkungen im öffentlichen Bereich weiter lockern, geht Groborz davon aus, dass der Betrieb im Chemiepark und der Arbeitsalltag noch bis Ende des Jahres anders laufen werden. „Wir werden diese Entwicklungen eng begleiten. Unsere Aufgabe wird es sein, weiter ein vertretbares, positiv besetztes Miteinander am Standort umzusetzen, ohne leichtsinnig zu werden, zurückgestellte Themen wieder aufzunehmen und einen gewissen Grad an Normalität im Ausnahmenzustand herzustellen.“

KONZEPTE FÜR DEN WORST CASE

Auch wenn YNCORIS auf einem Pandemie-Konzept aufbauen konnte – mit einer Situation, wie sie derzeit herrscht, hat niemand Erfahrung. Umso wichtiger war es, die Lage richtig einzuschätzen und gleichzeitig für den Fall zu planen, dass sich die Lage deutlich verschlimmert. Für besonders wichtige Funktionen, die für die Produktion im Chemiepark essenziell sind, erstellten die Verantwortlichen daher schon früh konkrete Notfallpläne, die Infektionsketten ausschließen. Bei YNCORIS sind das beispielsweise die Ver- und Entsorgung, der Werkschutz und die Werkfeuerwehr. Denn sie müssten weiterlaufen, selbst wenn mehrere Mitarbeiter gleichzeitig an Covid-19 erkranken würden. Dabei sind die Mitarbeiter des Werksschutzes für die Sicherheit und Ordnung im Chemiepark verantwortlich, stellen den Bereitschaftsdienst an der Brandmeldeanlage und sind an den Werkstoren erste Anlaufstelle für Zulieferer und Kollegen. Auch derzeit erreichen täglich rund 400 Lastwagen den Chemiepark. Die Pförtnerbereiche erhielten daher schon früh Schutzwände bzw. Gegensprechanlagen. Jeder LKW-Fahrer gibt am Tor seinen Gesundheitszustand sowie mögliche Kontakte zur Corona-Erkrankten an und wird auf Fieber und grippeähnliche Symptome kontrolliert. Damit alle die nötigen Abstände einhalten, hat das Team zudem die Personenströme vereinzelt. Im Werkschutzteam selbst arbeiten die Mitarbeiter in festen Schichtgruppen. Dabei sind Tag- und Wechselschichten voneinander getrennt, um ein mögliches Ansteckungsrisiko zu minimieren. Die Ver- und Entsorgung sowie die Werkfeuerwehr arbeiten neben den üblichen Maßnahmen mit Notmannschaften, die im Bedarfsfall ganz oder teilweise übernehmen und alle notwendigen Prozesse für eine gewissen Zeitraum sicherstellen können.


Thomas Kuhlow

Leiter Kommunikation
Tel.: +49 22 33 48-65 70
Fax: +49 22 33 48-94 65 70

ENERGIEVERSORGUNG

Die zuverlässige und kostengünstige Versorgung mit ausreichend Energie ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für die chemische Industrie. Der Chemieparkbetreiber YNCORIS liefert die benötigten Energien in Form von Strom und Prozessdampf an die produzierenden Unternehmen.

Die Energieversorgung des Chemiepark Knapsack ist auch zu Spitzenlastzeiten garantiert.

Im Ersatzbrennstoffkraftwerk (EBKW) der EEW Energy from Waste Saarbrücken GmbH werden jährlich bis zu 300.000 Tonnen Ersatzbrennstoffe thermisch zu Dampf und Strom verwertet. Ergänzt wird dies durch zwei Gas- und Dampfturbinenkraftwerke (GuD-Kraftwerk) des norwegischen Energieerzeugers Statkraft mit 800 MW und 400 MW installierter Leistung.

Außerdem wird der Chemiepark Knapsack von einem RWE Braunkohle-Kraftwerk in der direkten Nachbarschaft mit Prozessdampf versorgt.