Wir haben uns hier in Knapsack immer wieder neu erfunden!
Im Austausch mit Dr. Tobias Haderer, Clariant ...

… verantwortlich für die Standorte Knapsack, Gersthofen und Frankfurt-Höchst – ging es um die Herausforderungen drei Unternehmensstandorte zu führen.
Herr Dr. Haderer, Sie leiten seit zwei Jahren den Clariant Standort in Knapsack. Inzwischen sind mit Frankfurt und Gersthofen zwei weitere Produktionsstandorte dazugekommen. Wie lassen sich drei Standorte unter einen Hut bringen?
Es ist herausfordernd: Auch wenn ich die Leitung seit Anfang April 2025 innehabe, hält das Kennenlernen an. Für Gersthofen und Knapsack habe ich die volle Standortverantwortlichkeit. In Frankfurt obliegt mir nur der operative Part. Zusätzlich muss man sich mit den lokalen Gegebenheiten auseinandersetzen. An allen drei Standorten sind Menschen mit unterschiedlichen Persönlichkeiten und Erwartungshaltungen tätig. Gleichzeitig gibt es eine Vielzahl von Aufgaben mit unterschiedlichen Dringlichkeiten und Prioritäten für die Standorte selbst und die übergeordnete Business Unit. Das ist aufwändig und braucht Zeit.
In einer solchen Konstellation kommt es am jeweiligen Standort auch auf ein starkes Team an. Wie haben Sie sich hier organisiert?
Nach zwei Jahren in Knapsack weiß ich, welche Stärken der Standort hat, wer hier arbeitet und welche Kompetenzen es gibt. Ich glaube, hier hat sich ein gegenseitiges Vertrauen aufgebaut und wir können alle Themen offen ansprechen, auch wenn ich nicht immer vor Ort bin. In Frankfurt gibt es einen Standortleiter und somit werden viele Themen wie Standortbetrieb und Behördenmanagement von dieser Seite abgedeckt. Ich bin für unseren Produktionsbetrieb am Standort zuständig und im direkten Austausch mit dem Betriebsleiter vor Ort. In Gersthofen bin ich der „Neue“ und muss mehr Präsenz zeigen und mich gerade jetzt am Anfang mehr einbringen. Vor allem, wenn man mit neuen Themen ins Team geht. Diese Konstellation ist für alle Beteiligten und auch für mich neu und bedeutet für alle eine Umstellung. Die Zeit während Corona hat uns gezeigt, dass man nicht immer notwendigerweise vor Ort sein muss. Für den direkten Kontakt und Austausch über alle Ebenen, der mir persönlich sehr wichtig ist, versuche ich regelmäßig an den Standorten zu sein, um mit den Kolleginnen und Kollegen zu sprechen.
Können Sie die Leser und Leserinnen mal mitnehmen auf einen Standortvergleich Knapsack – Frankfurt – Gersthofen? Wo gibt es Parallelen, wo besondere Unterschiede?
Die Größenordnungen sind ungefähr gleich. Es ist eher die Mentalität, die sich unterscheidet: die bayerische, die hessische und die nordrhein-westfälische. Produkttechnisch sind wir zwar alle in der BU A&A, also Adsorbents and Additives. Hier in Knapsack sind wir auf Flammschutzmittel, im Prinzip in der Phosphorchemie, spezialisiert. In Gersthofen und Frankfurt geht es hauptsächlich um Wachse und auch Antioxidantien, Lichtschutz-Stabilisatoren. Also typische Additiv-Chemie. Die Herstellungsprozesse sind nicht 1:1 vergleichbar. Aber letztlich gibt es überall eine chemische Produktion, Schichtbetrieb, Logistik, Instandhaltung, Forschung und Anwendungstechnik und somit sind gerade die Standortthemen und Herausforderungen, vor denen die chemische Industrie heute steht, sehr ähnlich.
Was zeichnet den Standort Knapsack besonders aus?
Das Zusammengehörigkeitsgefühl, unsere „Knapsacker Gemeinschaft“. Wir sind 10.000 Mitarbeitende bei Clariant, aber nur 230 Mitarbeitende in Knapsack. Unser Alleinstellungsmerkmal mit langer Tradition ist die Phosphorchemie. Das sind keine Allerwelts- sondern Spezialprodukte, die wir hier in Knapsack herstellen – und zwar für Europa und die ganze Welt. Eine Erfolgs-Story! Unser Produktportfolio in der Flammschutzmittelindustrie und die gesamte Wertschöpfungskette war und ist ein Alleinstellungsmerkmal innerhalb der Clariant. Zudem haben wir am Standort eine lange Tradition – nicht nur als Clariant, sondern auch als Hoechst und deren Vorläufer und somit als Knapsacker. Wir haben uns hier in Knapsack hinsichtlich Phosphorchemie und Flammschutzmittel immer wieder neu erfunden und positioniert.

Wenn man die Verantwortung für drei Standorte trägt, ergeben sich vermutlich auch einige Synergie-Ansätze?
Aufgrund der unterschiedlichen Produkt-Portfolios und der bisherigen Organisation haben sich die Standorte tatsächlich im Laufe der Zeit immer weiter auseinanderentwickelt – auch sicherheitstechnisch. Tatsächlich gibt es keine Produktabhängigkeit zwischen Gersthofen und Knapsack. Wir transportieren auch keine Vor-oder Zwischenprodukte hin und her und sind von der Chemie her sehr different. Jeder Standort hat auch hinsichtlich des Standortbetreibers bestimmte Richtlinien und Vorgaben. Jetzt geht es darum, eine Führungsklammer zu finden und Synergieeffekte in Verwaltungs-, Support und vor allem Sicherheitsthemen zu schaffen. Nicht alles dreimal zu machen, sondern gemeinsam, Prozesse zu harmonisieren und Dinge in Gleichklang zu bringen. Das ist die Idee dahinter und soll helfen die hohe Arbeitsbelastung der Kolleginnen und Kollegen durch Nutzung von Synergieeffekten zu reduzieren.
Lassen Sie uns auch einen strategischen Blick auf die Clariant werfen: Wie plant das Unternehmen seine Zukunft?
Gemeinsam mit unseren Kolleginnen und Kollegen aus Sales, Strategy & Innovation müssen wir immer wieder schauen, wie wir unsere Kunden zufriedenstellen und ihnen mit unserem Portfolio echte Vorteile bieten. So dass der Kunde sagt: „Ich kaufe bei Clariant – möglicherweise auch zu etwas teureren Preisen.“ Das funktioniert nur, wenn wir innovative Produkte haben, unsere Kunden besser verstehen als unsere Mitbewerber und ihnen Vorteile bieten können. Letztendlich geht es auch darum, Prozesse zu automatisieren und die Produktionen zu optimieren. Auch müssen wir es schaffen, die jungen Leute davon zu überzeugen, dass die Chemieindustrie an sich und vor allem auch in Deutschland zukunftsfähig ist.
Wie macht Clariant das?
Als eine der Hauptaufgaben haben wir das Thema Wissensmanagement und -transfer identifiziert. Wie schaffen wir es, die Erfahrung unserer älteren Mitarbeitenden den Jüngeren einfach und nachhaltig zur Verfügung zu stellen? Wir arbeiten aktuell daran, Betriebsanleitungen als Videos zur Verfügung zu stellen und im Anschluss den MitarbeiterInnen diese Videos auch per Tablet in der Anlage zur Verfügung zu stellen. So können die Mitarbeitenden das Tablet mit in die Produktion nehmen und das Video jederzeit ansehen, wenn sie die Tätigkeit an der Anlage auszuführen. Im Grunde ähnlich, wie man es heute von YouTube-Tutorials kennt. Wir wollen eine Wissensdatenbank aufbauen, in der auch Problem- und Fehlersituationen im Betrieb dokumentiert werden können, um nicht immer wieder von vorne beginnen zu müssen. Wir haben auch eine Clariant interne KI: unsere „Clarita“. Damit können wir sicherstellen, dass unsere Mitarbeitenden KI mit internen Daten nutzen können. Durch Clarita ist es möglich eine KI zu nutzen die ähnlich, wie die großen bekannten Tools, trainiert wurde, zusätzlich mit unseren internen Daten bespielt wird, Daten aber nicht zurück ins weltweite Internet stellt. Darüber hinaus haben wir gemeinsam mit der IHK einen Kurs zum Thema digitale Chemie entwickelt, um den digitalen Wandel zu begleiten und ihn gemeinsam mit unseren Mitarbeitenden umzusetzen. Ich sehe meine Aufgabe darin, die Standorte zukunftsfit und nachhaltig zu machen mit den Produkten, die wir aktuell haben oder gerade entwickeln – und mit gut ausgebildeten Fachkräften, die wir auch in der Zukunft brauchen werden.
Wo wird seitens Clariant in Deutschland noch investiert und weiter optimiert?
Als Spezialitäten-Chemiehersteller, investieren wir Jahr für Jahr in alle deutschen Standorte, damit sie wettbewerbsfähig bleiben. Das gilt besonders für den Standort Knapsack, da dieser für die BU A&A einen strategischen Standort der Phosphorchemie darstellt. Die BU befand sich in der Nach-Corona-Zeit in einer schwierigen Lage und musste zunächst die Profitabilität wieder in Ordnung bringen. Das haben wir hier am Standort gemeinsam und auch mit schwierigen und schmerzhaften Maßnahmen sehr gut geschafft. Dazu gehörten leider auch Personalabbaumaßnahmen, die wir aber hinterher für die Übernahme von Azubis nutzen konnten.
Wie schätzen Sie die Zukunft der Chemieindustrie in Deutschland ein?
Der Mensch ist gerade in Extremsituationen sehr wandlungsfähig und innovativ. Jetzt ist unsere Aufgabe, Arbeitsplätze zu sichern und die Produktion an die Anforderungen der Gesellschaft, höherer Automatisierungsgrad, Nutzung neuer Technologien bei der täglichen Arbeit, um nur einige zu nennen, anzupassen. Und uns letztlich durch Know-how, Wissenstransfer und Innovationen für die Zukunft deutlich neu und besser zu positionieren. Darin liegt die Herausforderung, vor der wir stehen.
Nochmal ganz weg von den Fachthemen eine Schlussfrage: Was macht das mit Ihnen privat, an drei Standorten mehr oder weniger gleichzeitig sein zu müssen?
Man muss sagen, das Familienleben leidet schon darunter. Nachdem auch meine Familie an keinem der drei Standorte wohnt, sondern nochmals ca. 150 km vom nächstgelegenen Standort entfernt, sind es eigentlich vier Standorte, an denen ich mich bewege. Unsere Jungs sind jetzt schon fast erwachsen, das hilft tatsächlich. Ich kann nur den Hut vor meiner Frau ziehen. Ich weiß nicht, was schwieriger ist: drei Standorte zu wuppen oder zuhause die Kinder, den Haushalt, und den eigenen Job zu managen. Egal ob Familie oder Standortmanagement: es funktioniert nur, wenn man großes Vertrauen in sein Team hat. manches kann nur im persönlichen Gespräch oder vor Ort gelöst werden. Da bedarf es besonders guter Koordination und manchmal auch Spontanität, um allen gerecht zu werden. Man bekommt es hin, aber die Herausforderung ist nicht zu unterschätzen.