Im Gespräch mit Clemens Mittelviefhaus und Helmut Weihers…

…über prägende Zeiten im Chemiepark Knapsack, den Wandel am Standort und die Zukunft der Pensionärsvereinigung.
 

 


Helmut Weihers

1986 trat er in die Hoechst AG, Werk Knapsack ein. Als Geschäftsführer der Infraserv leitete er von 2005 bis Ende 2012 das Unternehmen. Dem Knapsacker Hügel bleibt er auch nach dem Ruhestand verbunden. Seit 2019 ist er Vorstandsvorsitzender der Pensionärsvereinigung 
Knapsack e.V.
 
 


Dr. Clemens Mittelviefhaus

Seine Anfänge in Knapsack liegen 2011, als er Leiter der Fertigungstechnik bei Infraserv wurde. Zwei Jahre später übernahm er gemeinsam mit Ralf Müller die Nachfolge von Helmut Weihers als Geschäftsführer. In den Ruhestand verabschiedete er sich 2021. Er ist in der Pensionärsvereinigung aktiv und stellt dort den stellvertretenden Vorsitzenden.
 



Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit genommen habt, begrüßt Benjamin Jochum aus der Kommunikation von YNCORIS die beiden Gäste. Helmut, du bist seit 2013 im Ruhestand, Clemens du seit 2022. Wir sitzen hier heute zwar im Feierabendhaus, also nicht direkt im Chemiepark – dennoch seid ihr auch dort noch regelmäßig vor Ort, nicht zuletzt im Einsatz für die Pensionäre. Was für ein Gefühl begleitet euch mittlerweile, wenn ihr durch das Drehkreuz geht?

Weihers:
Inzwischen gibt es natürlich einen gewissen Abstand – aber zur Sache, nicht zu den Menschen. Ich kenne noch viele aus der damaligen Zeit und pflege ein gutes Verhältnis. Andererseits überrascht es mich schon, wie viele neue Gesichter dazugekommen sind. Daran merkt man, wie lange die eigene aktive Zeit schon zurückliegt.

Mittelviefhaus:
Das geht mir genauso, und ich bin erst seit vier Jahren raus (lacht).


Was waren die größten Herausforderungen während eurer aktiven Zeit?  

Weihers:
Da gab es tatsächlich einige. Ich bin 1986 eingetreten, damals noch unter Flagge der Hoechst AG. Als sich Hoechst dann Ende der 1990er Jahre zurückzog, gab es echte Existenzängste. Im Konzern war der Spielraum zuvor kleiner, aber es gab ein spürbares und jederzeit präsentes Sicherheitsgefühl – mit der Umfirmierung ging dieses verloren. Gleichzeitig begann eine Phase des Aufbaus und des Wandels. Die damalige Infraserv Knapsack übernahm aus der Hoechst AG umfangreiches Wissen, gute Standards und tiefe Anlagenkenntnisse. Das war eine solide und wichtige Basis.


Stimmt es, dass der damalige Werksleiter Horst-Dieter Schüddemage seinerzeit gesagt hat: „Drehen Sie sich nicht um, da ist nichts mehr?“

Weihers:
Ja, das hat er tatsächlich so gesagt. Hart, aber ehrlich, das war sein Stil. Er selbst hat unter den Veränderungen übrigens auch sehr gelitten.
 

Clemens, welche Hürden waren in deiner aktiven Zeit zu überwinden?  

Mittelviefhaus:
Meine aktive Zeit war geprägt vom Thema Wachstum und das empfinde ich bis heute als großes Glück. Eine Herausforderung war es, den Handwerkerbereich noch profitabler aufzustellen. Wir haben beispielsweise den ersten externen Standort in Leverkusen aufgebaut und im Engineering große, anspruchsvolle Aufträge bearbeitet. Ein Highlight war auch die Umbenennung von Infraserv Knapsack in YNCORIS. Die Kolleginnen und Kollegen hatten dafür lange gekämpft, letztlich hat es dann im zweiten Anlauf geklappt.


Welche der Dinge, die ihr damals angestoßen habt, haben eurer Meinung nach noch heute die größte Sichtbarkeit?

Weihers:
Ende der 1990er Jahre wurden mehrere große Produktionsanlagen geschlossen und Unternehmen verließen den Standort. Wir mussten sicherstellen, dass die Infrastruktur weiterhin auf einem zukunftsfähigen Fundament steht, vor allem die Energieversorgung war ein wichtiger Aspekt. Es gab Zeiten, in denen Anlagen ausfielen, weil die Dampflieferung nicht stabil war. 1998 begannen die Gespräche über ein Gaskraftwerk, parallel startete das Projekt für ein Ersatzbrennstoff-Kraftwerk. Wir haben eine Finanzierung aufgestellt, Partner eingebunden und die immissionsschutzrechtlichen Genehmigungen eingeholt. Der Weg war steinig, Gesellschafter stimmten zunächst nicht zu, Finanzierungskonzepte mussten angepasst werden, es gab politische Widerstände. Am Ende ist aus meiner Sicht ein Konstrukt entstanden, das sehr positiv für den Standort war und ist.

Mittelviefhaus:
Für mich persönlich war der entscheidende Moment der Aufbau von Standorten auch außerhalb des Chemieparks. Ich bin überzeugt: wenn Unternehmen nur im geschützten Raum des eigenen Standorts agieren, fehlt ihnen die echte Wettbewerbserfahrung. Als es in der damaligen Geschäftsleitung darum ging, ob wir uns in diese Richtung entwickeln wollen, stand es in der Abstimmung anfangs zwei Ja- zu vier Nein-Stimmen – es waren also nicht von Beginn an alle komplett von diesem Weg überzeugt. Am Ende konnten wir uns aber zum Glück einigen und mit einem soliden und schließlich auch erfolgreichem Geschäftsplan durchsetzen.


Was hat die DNA des Standorts in eurer aktiven Zeit ausgemacht?

Weihers:
In der Umbruchphase vom Konzern zum mittelständischen Unternehmen gab es Ängste, aber auch das Gefühl, wirklich gestalten zu können. Plötzlich ging es nicht nur um Technik und Machbarkeit, sondern auch um Wirtschaftlichkeit. Wir haben an die Eigenverantwortung der hier tätigen Menschen appelliert und sie aufgefordert, sich aktiv einzubringen. Fördert man Eigenverantwortung, sieht man, welche Kreativität in den Menschen steckt.

Mittelviefhaus:
Ich habe insbesondere hier am Standort ein hohes Maß an Einsatzbereitschaft und Hilfsbereitschaft wahrgenommen. Trotz aller Reibungen, die es in einem Konstrukt wie dem Chemiepark Knapsack verständlicherweise von Zeit zu Zeit gibt, war das konstruktive Miteinander außergewöhnlich stark ausgeprägt. Das ist möglicherweise aus diesem Prozess der Verselbstständigung entstanden, den Helmut angesprochen hat. Dieser Weg barg Chancen und eine Zukunft – und das haben die Menschen gespürt.


Wie leicht ist es euch gefallen, den Schlüssel abzugeben?

Weihers:
Als ich damals selbst übernommen habe, gab es noch gelegentliche Besuche von Vorgängern mit gut gemeinten Hinweisen und Ratschlägen. Aber ich finde es wichtig, den eigenen Weg zu finden und konsequent zu gehen – nur so ist man aus meiner Sicht wirklich überzeugt von dem, was man tut. Ich habe deshalb bewusst darauf verzichtet, meinen Nachfolgern Ratschläge zu geben. Die Dinge ändern sich, und das sollen sie auch.

Mittelviefhaus:
Ich fand es damals ausgesprochen souverän von Helmut, sich nach seinem Abschied zurückzuhalten. Es gab kein „Früher war alles besser", das habe ich hier nicht erlebt. Und ich kann mich auch nicht daran erinnern, bei meinem eigenen Abgang etwas in dieser Art und Richtung weitergegeben und vermittelt zu haben.

Ihr engagiert euch beide in der Pensionärsvereinigung. Was hat sich im Verein verändert?

Mittelviefhaus:
Sehr viel. Früher war das Hauptereignis die jährliche Weihnachtsfeier, im Wesentlichen ein Treffen ehemaliger Hoechst-Beschäftigter. Mittlerweile steigen die geburtenstarken Jahrgänge ein. Fast jeden Monat gibt es eine Veranstaltung mit geselligem Charakter. Menschen treffen sich, weil sie Spaß daran haben, gemeinsam etwas zu erleben.

Weihers:
Die Zahlen bestätigen das. 2022 waren noch 50 Prozent unserer Mitglieder über 80 Jahre alt, dieser Anteil liegt aktuell bei 24 Prozent. Der Rest ist deutlich jünger. Wer heute in den Ruhestand geht, hat mehr Zeit bei YNCORIS beziehungsweise Infraserv oder in den Standortbetrieben verbracht als früher bei der Hoechst AG. Das verändert die Zusammensetzung und die Erwartungen grundlegend.


Es gibt Überlegungen, den Namen zu ändern. Warum?

Mittelviefhaus:
Jeder mit Interesse an der Entwicklung des Knapsacker Hügels kann dabei sein – nicht „nur“ Pensionäre. Deswegen denken wir über einen Namen wie „Freunde der Knapsacker Chemie" oder „… des Knapsacker Hügels“ nach. Das bildet besser ab, was die Vereinigung heute ist und wofür sie steht.

Weihers:
Das wollen wir nächstes Jahr in der Mitgliederversammlung besprechen und gemeinsam diskutieren, mit welchem Namen sich die Mitglieder wohlfühlen.


Gibt es vor diesem Hintergrund eigentlich auch Berührungspunkte mit jüngeren Generationen, etwa Mentoring oder einen regelmäßigen Austausch mit Auszubildenden?

Mittelviefhaus:
Bisher nicht, aber wir überlegen, Interessensgruppen beispielsweise für Musik oder Fotografie ins Leben zu rufen. Ein wie auch immer gearteter Mentoring-Ansatz wäre sicherlich auch interessant – der Erfahrungsschatz aus jahrzehntelanger Berufserfahrung hat schließlich einen gewissen Wert.

Weihers:
Auf dem diesjährigen Programm steht unter anderem eine Besichtigung des Technikums in der Rhein-Erft Akademie. Vor einem Jahr gab es ein spannendes Interview mit dem dortigen Geschäftsführer Marco Mencke. Solche Anknüpfungspunkte könnten auch den Kontakt zu jüngeren Generationen fördern.